Über die Villa des Ratsherren

Viel ist leider nicht bekannt über die Geschichte unseres Hauses: 1887 wurde die Villa im Auftrag des Ratsherren und Rentiers Christophel errichtet. 1905 ging sie in kirchliches Eigentum über und diente fortan als zweites Pfarrhaus der evangelischen Gemeinde. Historisch verbürgt ist weniges (man kennt die Namen Christophel und Pfarrer Merkel), dafür erfuhren wir in Gesprächen über den Gartenzaun einiges über die wandelvolle Geschichte der letzten Jahrzehnte.

Nach dem Krieg gab es den Erzählungen zufolge wohl recht umfangreiche Einquartierungen. In der aus zwei Räumen bestehenden Souterrainwohnung muss eine mehrköpfige Familie untergebracht worden sein, im Dachgeschoss lebten über lange Zeit mindestens zwei alte Damen. Nägel in den Balken des alten Dachstuhls lassen noch erahnen, dass das Geschoss einmal in mehrere recht provisorische Räume unterteilt gewesen sein muss. Wurden die Wände bei der Neueindeckung in den 90er Jahren herausgerissen? Heute gibt es in dem Dachgeschoss nur noch zwei Gesindezimmer aus der Ursprungszeit.

Wie viele Menschen in der eigentlichen Wohnung im Erdgeschoss untergebracht wurden, wissen wir nicht. Irgendwann jedoch wurden aus der großzügigen Sechs-Zimmer-Wohnung zwei gemacht. In der einen hat, so wurde uns erzählt, noch lange Zeit ein (pensionierter?) Pfarrer gelebt (nach anderen Erzählungen war es ein Hausmeister). In der größeren Wohnung hingegen lebte eine vielköpfige Familie. Von sechs Kindern wurde uns berichtet, dann von sieben. Ein älterer Herr berichtete uns: "Ach, das müssen noch viel mehr gewesen sein - das waren mindestens neun!"

Auf jeden Fall wurden im Rahmen dieser Wohnraumschaffungen Decken abgehängt, Fenster kleiner gemauert, Durchgänge zugemauert und aus dem großen mittleren Raum zur Straße hin mittels massiver Steinmauer zwei schlauchartige Zimmer gemacht. Die Flügeltür zum Flur wurde herausgerissen und ebenfalls zugemauert, dafür entstanden zwei normalgroße Türen, deren eine in ein Kinderzimmer, die andere in eine Küche mündete.

Apropos Zwischendecken einziehen, um Energie zu sparen - während wir in besagten Gartenzaungesprächen immer wieder mal gefragt wurden, ob uns denn das Denkmalschutzamt wenigstens das Abhängen weiterer Decken genehmigen würde, waren wir dabei, die vorhandenen Zwischendecken mit brachialer Gewalt herauszureißen, um die herrschaftlich hohen Räume wieder zu öffnen. Zu unserer Freude fanden wir dabei auch die Stuckdecke in dem geteilten mittleren Raum fast unversehrt, so dass heute die Stuckdecken in den drei straßenseitigen Räumen wieder vollständig zu sehen sind.

Angesichts der zeitweise doch wohl recht zahlreichen Bewohnerschaft empfinden wir die Villa sehr dankbar als wahren Luxus für unsere vierköpfige Familie. Aus diesem Empfinden - und weil die Villa als Pfarrhaus über lange Zeit einen halböffentlichen Charakter gehabt haben mag, entstand schnell die Idee, Teile unseres Wohnbereiches der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, um zeitgenössische Kunst und Kultur in einem privaten Umfeld erlebbar zu machen. Damit nehmen wir zugleich eine Tradition wieder auf, die in der Entstehungszeit unserer Villa eine schöne Mode gewesen ist: die des offenen Salons.

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